Tagebuchbloggen: Der Alkoholiker vor dem Supermarkt.

Ich habe beschlossen, dass meine Kinder jetzt alt genug sind, alles selber zu erledigen.

„So, ihr Lieben, ich gehe zur Drogerie rüber und besorge Shampoo und ihr drei geht zum *Supermarkt* und überlegt euch, was wir an Verpflegung im Schwimmbad benötigen. Hier sind 10 Euro.“

„Und woher sollen wir wissen, ob das Geld reicht?“ Dürfen wir auch was Süßes? Ich will einen Smoothie!“

„Das Geld reicht für Brötchen, Smoothie und etwas Süßes. Da müsst ihr euch einigen, was ihr kaufen wollt.“

„Kann jeder einen Smoothie haben?“

Ich nicke: „Wenn noch etwas ist: Ich bin jetzt bei der Drogerie.“ Ich deute quer über den Platz. Die drei Jungs nicken und ich entlasse sie mit einem mulmigen Gefühl. Sie werden es schon schaffen.

An der Drogerie-Kasse sehe ich etwas, was mir nicht gefällt:

Ein fremder Mann steht bei meinen drei Jungs. Sie scheinen sich zu unterhalten. Ich widerstehe dem Impuls, alles stehen und liegen zu lassen und zu ihnen zu sprinten. Nachdem ich Shampoo, Duschgel, Sesamriegel, Haselnüsse, Bio-Schokolade und Zahnpasta bezahlt habe, gehe ich langsam zu den Söhnen hinüber, die sich um die Fahrräder drängen.

Der Mann ist verschwunden.

„Ich habe einen Mann gesehen. Was war denn?“, frage ich möglichst unbeteiligt.

„Mama!“, berichtet der große Riesensohn, „da war ein Mann, der sah ganz schmutzig aus und der roch nach Alkohol und der hatte auch so eine Flasche in der Jacke und der hat gefragt, ob wir Geld für ihn haben für eine Fahrkarte. Haha, als ob. Der wollte gar kein Geld für eine Fahrkarte! Der wollte bestimmt Drogen davon kaufen!“

„Und was hast du dann gemacht?“

„Der wollte sehen, wie viel Geld wir haben.“

„Und dann?“

„Dann habe ich ihm unser Geld gezeigt. Wir haben mehr als drei Euro Wechselgeld bekommen! Ta, und dann hat er die drei Euro aus der Hand genommen! Das da! Da ist er!“

Vor dem Eingang steht ein ungepflegter Typ mit einer Bierflasche in der Manteltache und bettelt einen Mann an, der gerade vom Einkaufen kommt. Ein Jogurt fällt herunter und der Mann hebt ihn auf, öffnet ihn und setzt ihn sofort an seine Lippen.

Ich informiere den Kassierer. Die drei Euro haben wir zwar nicht wiederbekommen, dafür aber einige Lektionen für das Leben.

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Tagebuchbloggen: Von Mistelbeeren, blaugeringelten Kraken und wie der Riesensohn „Symbiose“ definiert.

Eigentlich fing alles ganz anders an. Wir standen bei Minus 2 Grad an der Bushaltestelle und warteten auf Bus 2, der uns zum Ecksteinplatz bringen sollte, damit ich den Riesensohn bei einem Freund abliefern konnte, um danach mit den Zwillingen zu einer Kollegin zu gehen, die uns im Auto mit zur Fortbildung nehmen wollte, zu der ich die Zwillinge mitnehmen musste, weil sie an diesem Tag schulfrei hatten.

Was nimmt eine gute Mutter mit, deren Kinder sich im Flur vor dem Fortbildungsraum fünfeinhalb Stunden alleine beschäftigen müssen? Genau, eine RIESEN-Einkaufstasche mit Lego.

„Hilf mir mal“, sagte ich zum Riesensohn,

als wir uns auf den Weg zu Bus 1 machten, der uns zu Bus 2 fahren sollte. Er half, aber er meckerte. Ich bin nicht sicher, ob dieses Dauergemecker charakterbedingt oder pubertätsbedingt ist, aber letztendlich ist das unerheblich. Sagen wir mal so: Es hilft nicht, den Oxytocin-Wert hochzuhalten.

„Mama, sind das Papageien oder Elstern?“

fragen meine Söhne, während wir in der Kälte frierend und auf Bus 2 wartend einige Vögel beobachten, die in der nächstbesten Platane herumkletterten.

„Man sieht das, wenn sie fliegen“, erklärte ich, während ich Atemwölkchen in die Luft sendete, „hey, ich glaube, die fressen da Mistelbeeren.“

„Was sind Misteln?“, fragte ein Sohn.

„Das sind Pflanzen, sie wachsen auf Bäumen und stecken ihre Wurzeln in die Äste des Baumes, um ihm Nährstoffe und Wasser wegzunehmen. Siehst du: Die grünen Büschel da auf der Platane.“

„Die klauen??“

„Ja, das sind Schmarotzer oder man nennt sie auch Parasiten.“

Sohni überlegte: „Diebe sind auch Schmarotzer, oder? Die nehmen ja auch nur und geben nichts.“ Ich nickte glücklich über diese Transferleistung.

„Und wie heißt das, wenn zwei sich gegenseitig was geben?“, erkundigte sich der Riesensohn.

„Das nennt man Symbiose.“

„Ah, wie bei dem blaugeringelten Kraken?“

„Bei dem was??“

„Bei dem blaugeringelten Kraken. Der ist total giftig, aber das Gift kommt von Bakterien, die in ihm wohnen. Die Bakterien geben dem Kraken das Gift und der Krake gibt den Bakterien eine Wohnung.“

Ich war beeindruckt. Vielleicht würde es sich lohnen, dem ganzen noch eine pädagogische Richtung zu geben? „Eine Familie sollte ja auch eine Symbiose sein“, sagte ich spitz und deutete auf die schwere Lego-Tüte.

Der Pre-Teen grinste: „Ja, klar, Mama. Ich lasse dich die Tüte alleine tragen, das hilft dir, stärker zu werden und dafür gibst du mir eine Wohnung.“

Er hat dann aber doch beim Tragen geholfen.

Wie der Riesensohn entdeckte, dass er frei ist.

„Mama,“ sagt der Riesensohn heute beim Frühstücken, „wenn ich jetzt nicht mehr das machen würde, was du mir sagst … dann könntest du doch nichts dagegen machen.“

Ich kaue, schlucke und schlucke noch einmal.

„Ja?“, sage ich zögerlich.

„Ich meine, wenn du mir sagen würdest, ich darf keinen Film mehr gucken, aber ich könnte mir ja trotzdem einen anmachen. Du könntest nichts dagegen tun.“

Ich schaue mir mein Kind an, das ruhig am Tisch sitzt und philosophiert, kein Groll, keine Wut, keine Provokation. Er denkt und das gefällt mir. Er findet heraus, dass er eine eigenständige Persönlichkeit ist und wird und dass er entscheidet, ob er über sich entscheiden lässt.

„Und das heißt jetzt?“, frage ich vorsichtig nach.

Er sitzt da und lächelt mich freundlich an: „Dass ich nicht mehr auf dich hören werde, ist so wahrscheinlich wie wenn du eine Diät machen würdest.“

Und ich denke, dass wir wohl eine gute Beziehung haben. ❤

 

Als ich den Riesensohn dazu ermutigte, ein Weihnachtsmärchen für die Oma zu schreiben, ahnte ich nicht, dass dies dabei herauskommen würde.

Das rätselhafte Monster

von Melek Marius Solanum (mit Kommentaren von Mara Solanum)

Es war einmal eine Prinzessin, der hatten die Eltern verboten, allein in den Garten zu gehen. Eines Morgens machte sie sich dennoch voller Neugier auf den Weg und als sie an die Klinke des Gartentores anfasste, kam sie nicht mehr davon los. Sie zog und zog, aber die Hand blieb fest an der Klinke kleben.

Da hörte sie eine Stimme, die rief …

(soweit die Vorgabe der Deutschlehrerin, ab hier schrieb der Riesensohn alleine weiter. Ich war mir sicher, er würde das gruselige, ironische Märchen als Grundlage nutzen, für das er im Aufsatz eine zwei plus bekommen hatte. Also eine sichere Bank – so dachte ich. Was für ein Irrtum. Er änderte kurzerhand den Plot.)

mit einem sehr gruseligen Klang: „Verschwinde, wenn dir dein Leben lieb ist!“ Auf einmal konnte sie ihre Hand wieder von der Türklinke wegnehmen. Plötzlich kam ein heftiger Wind auf und sie erschrak. Sie wollte wegrennen. Auf einmal stolperte sie. Die Prinzessin blickte hin und sah eine Baumwurzel. Als sie sich umdrehte, bemerkte sie ein Grab in dem Garten. Regungslos blieb sie liegen. Sie beobachtete, wie eine grüne Gestalt aus dem Grab herauskroch. Die Person ging ganz langsam auf das Tor zu.

(Okay, die Lehrerin hatte „Da hast du ja ein richtiges Gruselmärchen geschrieben!“ unter den Aufsatz geschrieben.)

Als sie das Tor öffnete, kam ein noch heftigerer Wind auf. Es wurde allmählich dunkel. Nun erst bemerkte sie, dass die grüne Gestalt auf sie zukam. Sie wich langsam vor dem Ungeheuer zurück. Das Wesen kam immer näher. Plötzlich stieß sie gegen einen Baum. Sie kämpfte sich hoch und floh, so schnell sie konnte, zum Schloss.

(Ab hier änderte der Riesensohn seine Strategie und baute den Erzählstrang „Ungeheuer“ in epischer Breite aus.)

Als sie vor dem Schloss stand, blickte sie zu der Gestalt. Ohne dass sie es bemerkt hatte, war das Monstrum direkt hinter ihr aufgetaucht. Bevor sie etwas tun konnte, streckte die Gestalt eine Hand nach ihr aus. Plötzlich ging das Schlosstor auf und eine Wache öffnete. Sofort flitzte die Prinzessin in das Schloss. Als sie sich umdrehte, war die Gestalt nicht mehr zu sehen. Sie rannte wieder raus, blickte auf die Wand und sah im letzten Moment, wie das Monster in ein Fenster stieg. Sie alarmierte die Wachen. Doch als die Wachen in dem Flur ankamen, wo das Monster eingestiegen war, war nichts zu sehen. Sie gingen in das Nebenzimmer und sahen, wie das Monster riesige Spinnenweben webte.

(Spätestens jetzt wird es wild und ich weise (meines Erachtens völlig zurecht!) den Riesensohn darauf hin, dass es sich hier um ein Weihnachtsgeschenk handeln sollte.)

Sie zückten ihre Waffen und versuchten, an das Monster heranzukommen, doch dabei stellte sich heraus, dass die Spinnweben zu hart für Schwerter waren. Außerdem blieben die Waffen an den Netzen kleben. Das Monster baute weiter und erstellte sich ein selbstgemachtes Grab. Nun legte sich das Monster hinein. Die Wachen stellten Wachposten auf. Am nächsten Morgen versuchte man es wieder, doch das Monster war,als sie den Deckel den Sarges öffneten, verschwunden.

(Mir persönlich reichte das schon an Spannungsbogen, doch warum sollte man es bei einem Spinnennetze webenden Monster belassen?)

Man befragte die Wachposten, ob ihnen letzte Nacht etwas Merkwürdiges aufgefallen wäre. Dabei stellte sich heraus, dass das Monster mit langen Tentakeln nach den Wachposten gegriffen hatte und sie anscheinend betäubt hatte. Sie waren erst vor wenigen Minuten aufgewacht und mussten zu ihrem größten Bedauern feststellen, dass das Monster geflohen war. Die Wachen durchsuchten sofort das ganze Schloss nach der Bestie und am Ende mussten sie zugeben, dass sie nichts gefunden hatten.

(Der Spannungsbogen steigt und an dieser Stelle erwartete ich nervös so eine Art Alienvermehrung. Aber dieses cineastische Machwerk kennt der Riesensohn noch nicht.)

Also versiegelten sie alle Fenster und Türen. Nur das Portal blieb unversehrt. So musste man nur das Portal bewachen, um herauszufinden, ob das Monster wieder hereinkommt.

Währenddessen …

(Der Riesensohn fragt mich, ob Parallelhandlungen zulässig sind. Ja, das sind sie und sogar erwünscht.)

hockte das Monstrum auf dem Dachboden und hörte jedes Geräusch ab, das unter ihm zu hören war. Als es ruhig geworden war, baute sich das Ungeheuer einen weiteren Schlafplatz. Nun machte es sich daran, Flure und Zimmer auf dem Dachboden zu bauen. Am Ende wurde es ein richtiges Labyrinth, deren Ende sein Schlafplatz war. Es legte sich nun völlig erschöpft in den Sarg und ruhte sich aus. Sie stellten dieses Mal eine größere Gruppe von bewaffneten, trainierten Soldaten auf, die Wache halten sollten. Zur selben Zeit gingen die übrigen Soldaten mucksmäuschenstill durch das gesamte Schloss, um noch einmal nach dem Ungeheuer zu suchen. Diesmal betraten sie auch den Dachboden und standen schon direkt im Labyrinth.

Nach mehr als drei Stunden, …

(Das muss ein wahrhaft monsterartiges Labyrinth gewesen sein!!)

waren sie am Schlafplatz des Ungeheuers angekommen, diesmal unbemerkt. Sie öffenten langsam und leise den Sarg.

(An dieser Stelle bemerkte ich dezent, dass ein Sarg aus Spinnweben doch wohl eher ein Kokon sei, aber ich wurde beschuldigt, zu wenig Fantasie zu besitzen. Man könne sehr wohl einen Sarg aus Spinnweben herstellen, man müsse nur die Fäden entsprechend kreuz und quer spinnen.)

Einer der mutigsten Soldaten zog sein Schwert und erstach das Ungeheuer.

(Eher unspektakulär, wie ich bemerke, aber der dramatische Effekt lässt nicht auf sich warten:)

Grün-orangenes Blut spritzte auf. Die Soldaten eilten zügig zu den restlichen Soldaten, die immer noch Wache hielten.

(Und jetzt wird es endlich weihnachtlich!!!)

Sie erzählten ihnen die frohe Botschaft.

Währenddessen mussten die Wachsoldaten den anderen Soldaten berichten, dass ein weiteres Ungeheuer aus dem Grab gestiegen war und die Prinzessin bei lebendigem Leibe gefressen hatte.

(Diese Wendung der Geschichte ist allein der mütterlichen Anmerkung zu verdanken, dass man doch wenigstens der Oma zuliebe eine Happy end einplanen könne. In der ersten Version starb die Prinzessin, Details erspare ich dem geneigten Leser. Ich bitte um Verständnis.)

Die Bogenschützen spannten die Bögen an und erschossen dieses böse Ungeheuer. Sie schnitten es am Bauch durch und sie sahen voller Freude, wie die Prinzessin aus dem Bauch gesprungen kam. Alle freuten sie und feierten ein Fest, weil die Prinzessin wieder zurückgekehrt war.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann feiern sie noch heute.

In diesem Sinne wünsche ich weiterhin frohe Feiertage und ein gutes Jahr 2018!

Rest in peace, Schmerle.

„Mama, heute sollten wir in der Schule einen Brief schreiben an jemanden, der gestorben ist, ein Haustier oder einen Verwandten.“

„Interessant. Wen hast du genommen?“

„Schmerle.“*

„Du hast einen Brief AN EINEN FISCH geschrieben???“

„Ja. Und auf die Rückseite sollten wir schreiben oder malen, was wir mit demjenigen Schönes erlebt haben. … Ich habe nichts geschrieben. Ich habe nichts mit Schmerle erlebt. Schmerle ist gekommen und dann gestorben.“

Was denn auch. Aber ich bin sicher, Schmerle ist der erste Fisch, dem ein Brief gewidmet wurde. Rest in peace, Schmerle.

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*Schmerle ist, pardon, war unser algenfressender Fisch. Er wurde in unserer Abwesenheit (Urlaub) der Bio-Tonne überantwortet.

 

Hochzeit in Jogginghosen

13.15 Uhr. Um 14 Uhr beginnt die Trauung. Gewünschte Ankunftszeit: 13.15 Uhr.

„Das ist Sklaverei!“, empört sich der große Riesensohn, „das ist mein bestes T-Shirt! Und was spricht gegen Jogginghosen??“

„Mein lieber Sohn“, erwidert die toleranteste und geduldigste Mutter der Welt, „wir fahren zu einer Hochzeit und ich verlange nichts weiter, als dass du eine saubere Hose anziehst, die nicht nach Totalentspannung aussieht, sowie ein T-Shirt ohne Löcher. Ansonsten kannst du herumlaufen, wie du möchtest. Die Hose liegt schon bereit.“

„Welche Hose?“, schimpft es weiter.

„Die neue Hose. Die Hose, die Papa dir letzte Woche gekauft hat.“

„Papa hat mir keine Hose gekauft!“

„Doch, Papa, hat dir eine Hose gekauft. Du hattest sie auch schon an. Sie liegt dort auf der blauen Bank.“

„Da liegt keine Hose! Oh, die Hose! Ha!“, triumphiert es, „DAS IST AUCH eine Jogginghose!“

„Vielleicht“, denke ich, „aber zumindest sieht man es ihr nicht an.“

Die Flecken auf Sohnis Shirt bemerke ich allerdings zu spät, doch kann ich sie im letzten Moment mit einer mütterlichen Geste überdecken, als die Fotografin ihr Werkzeug zückt, und niemand schaut doch ernsthaft auf Kinderhosenknieschmutzflecke, oder?

Vielleicht schaffen wir es wenigstens pünktlich zur Trauung?

„Ihr seid am besten um viertel nach eins da!“, whatsappte die Braut am Abend zuvor, „dann kannst du die Bastelsachen in Ruhe vorbereiten, bevor um 14 Uhr die Trauung startet.“

„Natürlich“, whatsappte ich fröhlich zurück.

Um 13 Uhr rufe ich den Ehemann an: „Wo bist du? Wann kommst du? Wir sollen um viertel nach eins da sein!“

„Ich fahre gerade los“, höre ich es rauschen, bevor die Verbindung unterbrochen wird. Vor der nächsten Hochzeit lasse ich den Ehemann nebst Nachwuchs nicht noch gemütlich bei Freunden frühstücken, während ich die Bastelsachen (Kinderbespaßung für die Kleinen) zusammenräume und eine Tablette gegen Kopfschmerzen schlucke.

13.15 Uhr. Der Wagen mit Mann und Männchen parkt schräg vor unserem Haus. Ich diskutiere mit dem Pre-Teen über Themen wie „Lochfreie T-Shirts bei Hochzeiten“ und „Warum ich Jogginghosen bei Hochzeiten für ungeeignet halte“ (s.o.) und  packe die Bastelsachen in den Kofferraum, der Mann eilt ins Haus.

„Wo willst du hin?“, rufe ich hinterher.

„Mich umziehen!“, ertönt es von innen.

Vielleicht wird es doch etwas knapp mit der pünktlichen Ankunft.

Ich packe alles in den Wagen und vertröste die Nachbarin, die an unserem Wagen vorbeifahren will, aber nun geduldig abwinkt.

13.40 Uhr. Wir fahren los.

Der Ehemann fährt, als ob der Teufel hinter uns her wäre.

Ich erinnere ihn daran, dass ich lieber zu spät bei der Hochzeit erscheine als gar nicht.

Eisige Stille.

13.47 Uhr. Der Ehemann erkundigt sich, ob wir ein Geschenk und eine Glückwunschkarte dabei haben.

Ich falle in Ohnmacht.

14.05 Uhr. Wir fahren an der Kapelle vorbei.

„Dort ist es“, insistiere ich, aber verliere gegen das Navi, das behauptet, wir müssten daran vorbeifahren.

14.08 Uhr. Wir kommen im nächsten Dorf an, in dem sich … nichts befindet. Der Ehemann beschließt zurückzufahren.

14.09 Uhr. Wir sind wieder an der Kapelle. Die Kinder und ich rennen zur Eingangstür, der Ehemann sucht einen Parkplatz. „Leise“, flüstere ich allen Kindern zu, während ich die schwere Holztür aufschiebe, „leise flitzen wir unauffällig zur letzten Bank und setzen uns unbemerkt hin, alles klar?“ Alle drei Jungs nicken eifrig und tippeln auf Zehenspitzen total unauffällig auf dem roten Teppich zur letzten Bank, die 1200 Meter von der Kapellentür entfernt ist.

Doch anscheinend haben wir nichts verpasst. Die Orgel orgelt vor sich hin und es ist irgendwie sehr heilig und still, bevor die Standesbeamtin mit ihrer Rede beginnt.

Und der Rest war auch wirklich sehr schön. Und entspannt.

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Es waren annähernd 20 Kinder anwesend, und ich kann einen Basteltisch nur empfehlen. Das schafft Kontakt und Beschäftigung und ich hatte viele schöne Gespräche. Die Idee mit den Laternen hatte übrigens die Braut, die auch den Prototypen bastelte. Vor dem Abendessen haben wir noch einen Laternenrunde gedreht.

Wenn du Mutter bist, schreibst du viele Briefe. Wenn die Kinder LRS haben, noch viele mehr.

Zum Beispiel diesen hier:

„Sehr geehrte Deutschlehrerin,

mein Sohn kam heute mit Tränen in den Augen nach Hause, weil er aufgrund seiner LRS Rechtschreibfehler nicht erkennen kann konnte die Hausaufgaben nicht machen, weil er aufgrund seiner LRS die 20 Fehler in dem Text schlicht und ergreifend nicht entdecken kann. Daher habe ich die 20 Fehler gesucht und 22 gefunden!. Damit er sich das Schriftbild richtig einprägen kann, habe ich die Wörter richtig aufgeschrieben und er hat sie noch einmal abgeschrieben.

Mit freundlichen Grüßen,

Mara Solanum“

 

„Sehr geehrter Bio-Lehrer,

um meinem Sohn das Textschreiben zu erleichtern, haben wir uns zu folgendem Vorgehen entschieden: Er diktiert mir den zu schreibenden Text, ich schreibe ihn in den Computer und er schreibt ihn ab. Der Hintergrund ist, dass er sich möglichst nicht das falsche Wortbild einprägen soll. Daher ist der Text nahezu fehlerfrei.

Ich hoffe auf Ihr Verständnis,

mit den besten Grüßen,

Mara Solanum.“

 

oder solche:

Sehr geehrte Englischlehrerin,

mein Sohn kam heute sehr traurig nach Hause, weil er er glaubte, die Vokabeln nicht zu können. Ich solle den Vokabeltest unterschreiben, weil er nicht gut genug sei. Ich habe ihm erklärt, dass meines Wissens 

Sehr geehrte Englischlehrerin,

wie ich Sie bereits unterrichtet habe, hat mein Sohn eine LRS-Diagnose. Das Attest befindet sich in seiner Schülerakte. Dieses Attest hat zur Folge, dass seine Rechtschreibleistungen nicht berücksichtigt werden sollen. Dieser „Schutzraum“ soll bewirken, dass er die Motivation am Schreiben und generell an der Schule nicht verliert bzw. wiedererlangt, da sie zwischenzeitlich schon ziemlich im Keller war. Die Vokabeln hat er geübt – ich habe ihn abgefragt. Er kann sie alle, er kann sie auch alle richtig buchstabieren, doch wenn er sie aufschreiben 

Sehr geehrte Englischlehrerin,

sehr gerne unterschreibe ich den Englischtest, bin jedoch der Meinung, dass die Note nach oben korrigiert werden muss, da meines Wissens bei Vorliegen einer LRS die Rechtschreibleistung nicht berücksichtig werden sollte. Daher habe ich den Test noch nicht unterschrieben.

Mit den besten Grüßen,

Mara Solanum.“

 

oder diese, ganz ohne LRS:

„Sehr geehrter Klassenlehrer,

heute hat der Arzt festgestellt, dass der Sohn sich den Finger angebrochen hat. Vermutlich ist dies die Folge eines Vorfalls auf dem Schulhof, als jemand ihm aus Versehen auf den Finger getreten ist, als er hingefallen war. Da dies nun als Schulunfall behandelt wird, bitte ich Sie, aus versicherungstechnischen Gründen das Sekretariat zu informieren.

Mit den besten Grüßen,

Mara Solanum.“

 

Ein einziger Brief wegen eines gebrochenen Fingers wäre ja zu einfach:

„Sehr geehrter Sportlehrer,

mein Sohn hat sich den Finger angebrochen und darf nun laut Aussage des Arztes zwei Wochen lang nicht am Sportunterricht teilnehmen.

Mit freundlichen Grüßen,

Mara Solanum.“

 

Sehr geehrte Deutschlehrerin,

mein Sohn hat sich den Finger angebrochen. Daher waren wir am Nachmittag beim Arzt und mussten anschließend noch in den Reha-Laden, um eine passende Schiene für den Finger zu kaufen. Daher waren wir recht spät zu Hause. Ich habe dann die Hausaufgaben für ihn getippt, die er mir diktiert hat, und sie dann ausgedruckt.

Ich hoffe auf Ihr Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen,

Mara Solanum.“

 

anderer Sohn:

„Sehr geehrte Klassenlehrerin,

ich glaube, mein Sohn wird gemobbt. Greifen Sie bitte ein!!

mein Sohn hat mir heute berichtet, dass sein Mitschüler „N. den Fuß so hoch gehoben hat, dass er gegen meinen Hals gekommen ist“.

Da mein Sohn mir in den letzten Wochen immer wieder berichtet hat, dass dieser Mitschüler ihm ins Gesicht gespuckt hat, ihm sein Mäppchen stibitzt, ihn geschubst, mit Tinte bespritzt oder auf dem Schulhof gejagt hat, mache ich mir verständlicherweise Sorgen. Ich habe ihm geraten, wenn so etwas passiert, sofort in die Nähe einer Aufsicht zu gehen, aber er hat sich beschwert, dass er dann nicht mehr spielen kann.

Ich bitte Sie daher um einen Termin. Ich habe auch beschlossen, ab heute zu notieren, was er mir berichtet.

Mit den besten Grüßen,

Mara Solanum.“

Was mein Sohn in der Schule gelernt hat.

„Mama, Mama! Ich habe heute in der Schule etwas gelernt!“, ruft der große Riesensohn begeistert.

„So soll Schule sein“, denke ich zufrieden, „wir wandern also doch nicht aus.“

„Ich habe heute die Schlangenhaut mitgenommen, für Naturwissenschaften!“

„Anschaulicher Unterricht, guter Lehrer“, nicke ich anerkennend, „und was hast du nun gelernt?“

„Die Englischlehrerin hat Angst vor Schlangen! Ich habe ihr die Schlangenhaut gezeigt und sie ist bis zur Wand zurückgewichen und hat den Pausengong vor sich gehalten!“

Oder vielleicht wandern wir doch lieber aus.

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Warum ich erwäge, den Blognamen zu ändern, und andere Unwägbarkeiten.

Ich erwäge, den Blognamen zu ändern.

Die Diagnose der Praxis für Kinderpsychiatrie ist da! Alle drei Kinder haben eine genetisch veranlagte LRS (Lese-Rechtschreib-Schwäche oder auch Legasthenie).

„Gibt es Hoffnung?“, fragte ich die Psychologin, die die Tests durchgeführt hat.

„Eine genetisch veranlagte LRS ist erfahrungsgemäß schwieriger zu therapieren“, bekomme ich zur Antwort, „aber ich denke, nach drei Jahren Therapie können Sie mal ein halbes Jahr Pause machen.“

Wie gut, dass wir sonst keine Hobbys haben.

Ich bin jetzt am Lehrerseminar.

Als quer einsteigende Lehrerin nehme ich nun am Quereinstiegsseminar teil. Ich bin nicht die einzige Quereinsteigerin. Es gibt noch zwei Männer!

Damit wir uns nicht langweilen, werden die neuen Referendare und Referendarinnen, die das reguläre zweijährige Referendariat absolvieren, ab November zu uns stoßen. Ich schätze, wir werden den Altersdurchschnitt ein klitzekleines bisschen heben.

Außerdem hat man mich ins Fachseminar Physik gesteckt.

Warum nur?

„Frau Solanum, wir haben uns überlegt, dass Sie am Fachseminar Physik teilnehmen, da Sie als Biologin am wenigsten Ahnung von Physik haben.“

Das war ja schon immer mein Traum.

Bis die neuen Referendare und Referendarinnen kommen, sitze ich bei den Referendaren und Referendarinnen, die in den nächsten Wochen ihre Abschlussprüfung haben. Ich sah Angstschweiß.

Dennoch: Unser erstes Treffen war ein voller Erfolg. Ich konnte gleich einer Referendarin mit meinen Optik-Folien weiterhelfen (den Rest der Stunde wurden Stellwände zusammengeschraubt).

Kleinkredite

Gebt ihr auch so viel Geld für neues Schulmaterial aus? Wenn es nur das Schulmaterial wäre! In dieser Woche sind auch neue Schuhe fällig.

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Der Mann und ich haben uns überlegt, auf gußeiserne Fußbedeckungen umzusteigen. Oder so Holzklötze.

Der Rest ist ganz normaler Alltagswahn.

Eine Schülerin, die „lieber nicht mehr mit Ihnen redet“, weil ich so ungerecht bin, ein anderer Schüler, der Ph***i im Unterricht malt (wenn er sie wenigstens nur malen und nicht hochhalten würde), ein Beamer, der mein Lapbook nicht mag, drei Kinder mit Hausaufgaben, ein Mann auf Dienstreisen und natürlich die spontan anfallenden Vertretungsstunden, die mit blauen Augen enden (Es war aber nur ein Unfall, dass der eine Schüler den anderen mit dem Fuß ins Auge getroffen hat.)

Jeder Tag ein Abenteuer!